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PREMIA - 27-6-2026 -- Im italienischen Premia, unweit der Grenze zum Wallis, rückt ein außergewöhnliches Zeugnis der Alpengeschichte wieder ins Blickfeld. Das Oratorium mit dem ehemaligen Hospiz St. Bernhard zählt zu den letzten erhaltenen mittelalterlichen Alpenhospizen des gesamten Alpenbogens und wurde nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten erstmals wieder einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt.
Das kleine Gotteshaus in der Fraktion Rozzaro entstand an einer historischen Alpenroute, die über Jahrhunderte von Pilgern, Händlern und Reisenden genutzt wurde. Solche Hospize boten Schutz, Unterkunft und Orientierung auf oft gefährlichen Übergängen zwischen den Tälern nördlich und südlich der Alpen.
Während der Restaurierung kamen bedeutende mittelalterliche Wandmalereien zum Vorschein, deren kunsthistorischer Wert die ursprünglichen Planungen grundlegend veränderte. Vorrang erhielt nun die Sicherung und Konservierung der Fresken, die einen seltenen Einblick in die religiöse Kunst der Alpenregion geben.
Besonders faszinierend ist die historische Verbindung zu Bernhard von Menthon, dem Schutzpatron der Alpen. Nach Auffassung des Historikers Enrico Rizzi könnte der Heilige, der im 11. Jahrhundert die berühmten Hospize auf dem Grossen und Kleinen St. Bernhard begründete, auch diesen Ort passiert haben. Einen endgültigen Beweis gibt es zwar nicht, doch die Lage des Oratoriums entlang eines alten Alpenweges macht diese Möglichkeit durchaus plausibel.
Gerade für das Wallis besitzt dieser Ort deshalb eine besondere Bedeutung. Die Geschichte der Alpen war nie von heutigen Staatsgrenzen geprägt, sondern von Wegen, Pässen und Begegnungen zwischen den Menschen beiderseits des Gebirges. Das Oratorium von Premia erinnert an jene Zeit, als die Alpen nicht trennten, sondern verbanden.
Die Restaurierung wurde durch ein gemeinsames Projekt der Pfarrei San Gaudenzio und der Gemeinde Premia ermöglicht. Ziel ist es, dieses außergewöhnliche Kulturerbe langfristig zu bewahren und zugleich als Ort der Geschichte, der Forschung und des sanften Kulturtourismus wieder erlebbar zu machen.
Mit seiner Lage im Herzen der Lepontinischen Alpen und seiner engen Verbindung zur Tradition der St.-Bernhard-Hospize ist das kleine Oratorium weit mehr als ein lokales Denkmal: Es ist ein gemeinsames kulturelles Erbe des gesamten Alpenraums.

